Über das Haus: Die Sandgrube

Im Herbst 2019 zog das Europainstitut Basel in das ehemalige Sommerhaus der Fabrikantenfamilie Leisler, in die sogenannte Sandgrube. Damit ist das Institut an einem Ort angekommen, der die European Global Studies in idealer Weise widerspiegelt: Bereits im 18. Jahrhundert gingen von der Sandgrube vielfältige wirtschaftliche und kulturelle Bezüge nach Europa und in die ganze Welt aus. Diese Bezüge dokumentieren die lokale Repräsentation des Globalen sowie die globalen Einflüsse auf das lokale Selbstverständnis der Stadt in ihrer ganzen Vielfalt. Dazu gehören die aus Kanton stammenden Papiertapeten, mit denen das Chinazimmer im ersten Obergeschoss des Hauses ausgestattet wurde, die exotische Gartenanlage, die als Repräsentationsfläche der kosmopolitischen Weltläufigkeit genutzt wurde oder die weitreichenden Finanz- und Handelsbeziehungen ihrer Bewohner. Die Sandgrube ist heute ein materielles Artefakt für all jene Spuren, die der jahrhundertelange globale Austausch in einem lokalen Basler Umfeld hinterlassen haben.

Die Sandgrube - Geschichte des Hauses

Die kosmopolitische Familie Leisler und der Bau der Sandgrube

Die Sandgrube wurde im Jahr 1745 vom Basler Baumeister Johann Jakob Fechter im Auftrag des Seidenbandfabrikanten Achilles Leisler erbaut. Der im Jahr 1723 geborene Achilles verlieh dem Status seiner Familie damit höchst augenfällig Ausdruck. Die Leisler waren eine reiche und anerkannte Familie, die nicht nur im lokalen politischen Umfeld von Basel breit vernetzt war: Seit dem 17. Jahrhundert pflegte das Frankfurter Geschlecht auch zu den wirtschafspolitischen Zentren in Europa und darüber hinaus enge Beziehungen.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts zogen die Brüder Franz Leisler – der Grossvater von Achilles – und Jacob Leisler von ihrem Heimatort in Bockenheim bei Frankfurt am Main in zwei unterschiedliche Richtungen in die Welt auf. Franz zog 1658 nach Basel, wo er zunächst als Lehrling in eine Seidenhandelsfirma eintrat und später seinen Bruder Hans Adam in die eigene, schnell wachsende Firma nachzog. Jacob wanderte im Jahr 1664 als Soldat der Niederländischen Westindischen Kompagnie in die Kolonie Nieuw Amsterdam – in das heutige New York – aus. Dort absolvierte Jacob eine erfolgreiche Karriere als Kaufmann und wurde schnell zu einem der einflussreichsten Grosshändler des kolonialen New Yorks. Den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte Jacob im Jahr 1689, als er im Zuge der Glorious Revolution in England die Position des Vizegouverneurs von New York übernahm. Wegen Hochverrats an der britischen Krone wurde er allerdings kurz darauf zum Tode verurteilt und hingerichtet. Währenddessen wurde Franz Teilhaber der erfolgreichen Firma Mitz, Sarasin & Leisler in Basel. Im internationalen Handel mit Seidenstrümpfen und -bändern erwirtschaftete er hier ein grosses Vermögen. Vor allem unter den Finanziers der europäischen Staaten erlangte er dadurch einen hohen Bekanntheitsgrad. Als Achilles im Alter von 22 Jahren das Firmenerbe seines Vaters und Grossvaters übernahm, gehörten die Leisler zu den einflussreichsten Basler Familien. Diesen Status verdankten sie nicht zuletzt ihrer jahrzehntelangen kosmopolitischen Ausrichtung in Handel und Produktion.
 

Die Riehenstrasse im 18. Jahrhundert: Malerische Sommerhäuser und (proto)industrielles Gewerbegebiet für den globalen Markt

Die Sandgrube wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts in einer äusserst dynamischen Gegend gebaut. In der malerischen Riehenstrasse zwischen der Stadtmauer und Riehen errichteten die reichen Basler Bürger einerseits luxuriöse Sommerresidenzen und Lusthäuser. Dazu gehörten neben der Sandgrube auch das De Bary’sche Landhaus, das Faesch-Leisler’sche Landhaus oder das Ryhiner-Leisler’sche Landhausam Ufer des Riehenteichs. Die zunächst nur für festliche Anlässe und als Zweitwohnsitz gedachten Villen wurden am Ende des 18. Jahrhunderts auch zum ganzjährigen Aufenthalt genutzt.

Gleichzeitig verwandelte sich das Gebiet nördlich des Riehentors auch in eine pulsierende Gewerbezone: Stoffdruckfabriken und Mühlen für Färbehölzer siedelten sich zwischen den luxuriösen Landsitzen an und verliehen der ländlichen Gegend einen industriellen Charakter. Die Nähe zum Riehenteich bot insbesondere für die baumwollverarbeitenden Industrien optimale Standortvoraussetzungen: Schräg gegenüber der Sandgrube errichteten Samuel Ryhiner und sein Bruder Emanuel Ryhiner-Leisler – der Schwager von Achilles – im Jahr 1716 die erste Indienne-Manufaktur der Stadt. Durch den Handel von sogenannten Indiennes – europäischen Imitationen bunter Baumwollstoffe mit exotischen Motiven, deren Drucktechnik ursprünglich aus Indien kam – war die Riehenstrasse eng in die frühen protoindustriellen Prozesse des globalen Marktes eingebunden. Über die französischen Hafenstädte Bayonne, Nantes oder Le Havre verkauften die Ryhiner ihre Stoffe bis nach Guinea in Westafrika und in die nordamerikanischen Kolonien.
 

Repräsentation des Globalen: Das Chinazimmer

Der Anspruch der Leisler an kosmopolitische Weltläufigkeit fand seinen Ausdruck nicht nur in der Architektur und in der Gartengestaltung, sondern auch im Interieur der Sandgrube. In den 1750er Jahren liess Achilles im ersten Obergeschoss des Hauses ein exquisites Chinazimmer mit an den Wänden befestigten chinesischen Papiertapeten einrichten. Er folgte damit einer luxuriösen Mode in der europäischen Oberschicht, die sich einer anwachsenden Faszination für asiatische Produkte verdankte. Während europäische Künstler und Architekten den einheimischen Markt mit sogenannten Chinoiserien – Nachahmungen von chinesischen Fabrikaten wie Möbel, Tapeten oder Dekorationen – bedienten, bestellten die gehobenen und besonders reichen Landhausbesitzer ihre Tapeten direkt in China. So auch Achilles: Im Vergleich zu den chinesischen Tapeten im Wildensteinerhof, im Bruckgut oder im Wildt’schen Haus handelt es sich bei den chinesischen Tapeten in der Sandgrube um eine echte, in China hergestellte Exportware – und um die einzigen als Ensemble vollständig erhaltenen chinesischen Tapeten in der Schweiz.

Die für den Import nach Europa hergestellten Chinatapeten stammten aus der chinesischen Stadt Kanton, wo sich im 18. Jahrhundert der einzige für Europäer zugängliche kommerzielle Hafen befand. Die Tapeten wurden dort von spezialisierten Malern explizit für den europäischen Markt hergestellt und zeigten exotische Motive wie chinesische Gärten, Pflanzen, Vogelpaare und Früchte. Importiert wurden die Chinatapeten im 18. und 19. Jahrhundert ausschliesslich durch die zum Privathandel berechtigten Angehörigen der europäischen Ostindischen Kompagnien. Die mittlerweile stark vergilbten Tapeten in der Sandgrube sind ein materielles Beispiel dafür, wie sich die Basler Oberschicht dank aussereuropäischer Einflüsse für neue Konsumgewohnheiten begeistern konnte.
 

Die Frères Merian und bauliche Repräsentation im 19. Jahrhundert

Zwischen 1804 und 1931 war die Sandgrube im Besitz der Familie Merian. Käufer des Landgutes war der Basler Grossunternehmer Johann Jakob Merian, Co-Inhaber der Firma Frères Merian gemeinsam mit seinem Bruder Christoph. Während der turbulenten Zeit zwischen der französischen Revolution 1789 und dem Ende der Koalitionskriege im Jahr 1815 war die Firma der beiden Brüder eines der mächtigsten globalen Finanzunternehmen. Im Spekulationshandel mit Rohbaumwolle, verarbeiteten Baumwollstoffen, Gummi, Bunthölzern, Gewürzen und Zucker unterhielten die Frères Merian weitreichende Wirtschafts- und Finanzbeziehungen. Das Unternehmen nutzte dabei informelle Netzwerke, durch die es von Berichten über Waren, Märkte und politische Veränderungen profitierte. Es gelang den Brüdern so nicht nur äusserst erfolgreich die britische Kontinentalsperre während den Koalitionskriegen zu umgehen, sondern sie kurbelten dadurch auch die maritimen, transatlantischen Handelsbeziehungen massgeblich an.

Auch im Besitz der Merians materialisierte sich das im Kolonialhandel erworbene Vermögen der erfolgreichen Basler marchands-fabriquants in der prunkvollen Sandgrube: Johann Jakob und seine Erben vergrösserten das Landgut im 19. Jahrhundert mehrfach und verliehen dem Sommerhaus ein neues Aussehen. Die bereits im 18. Jahrhundert von Achilles angelegte barocke Gartenanlage wurde 1820 durch Grünflächen im englischen Stil erweitert. In der um Distinktion und Selbstrepräsentation bemühten Basler Oberschicht wurde auch der Garten der Sandgrube zu einer Projektionsfläche globaler Weltläufigkeit, die sich vor allem in der exotischen Pflanzenwahl widerspiegelte. Im Besitz von Elisabeth Merian Vonder Mühll, der Schwiegertochter von Johann Jakob Merian, wurde die Sandgrube nach 1874 mit verschiedenen Gebäuden und Anbauten ergänzt und erhielt ihre maximale Ausdehnung.
 

Die Sandgrube auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

Im 18. und 19. Jahrhundert repräsentierte die Sandgrube die glanzvolle und erfolgreiche Aktivität des Basler Handels weltweit. Nach der Verlegung des Badischen Bahnhofs vom Gelände der Mustermesse an seinen heutigen Standort im Jahr 1913 veränderte sich das Umfeld des Landsitzes allerdings grundlegend. Neue Strassenpläne und der Bau neuer Verkehrsmittel wie der Strassenbahn und der Eisenbahn liessen die Grenzen zwischen der urbanen Innenstadt und dem ländlichen Charakter der Sandgrube allmählich verwischen. Die Riehenstrasse wurde zu einem zentralen Verkehrsknotenpunkt, und die Sandgrube geriet in einem Quartier, das inzwischen von Arbeiterwohnungen und Einfamilienhäusern geprägt war, weitgehend in den Hintergrund.

Als im Jahr 1921 der letzte Bewohner der Sandgrube aus der Familie Merian, der Arzt Rudolf Merian, verstarb, entschlossen sich die Erben, das Landgut zu vermieten. Zu den ersten Mietern gehörte der Kunsthändler Hans Wendland. Im Besitz von Wendland, der einige Jahre später in Plündereien des Nazi-Regimes verstrickt war, wurde die Sandgrube hauptsächlich als Sammelbecken lokaler und globaler Kunstobjekte genutzt. Nachdem das Anwesen im Jahr 1931 verstaatlicht wurde, wechselte die Sandgrube ihre Besitzer bis in die 1950er Jahre noch einige weitere Male: Unter anderem wurde sie von Francis Rodd, dem britischen Repräsentanten der kurz zuvor gegründeten Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, bewohnt. Ihre letzten Mieter, die Basler Familie Simonius-Vischer, bewohnten die Sandgrube seit 1937 bis zum Beginn einer längeren Renovierungsphase in den 1950er Jahren.

Im Jahr 1959 wurde die Sandgrube in ihrer symmetrischen, barocken Form als Lehrerseminar wiedereröffnet. Auch das gesamte Umfeld des Hauses erhielt unterdessen einen bildungsorientierten Charakter. In den Jahren 1951 und 1958 wurden direkt neben der Sandgrube zwei Schulhäuser und eine Berufsschule erbaut. Als im Herbst 2019 das Europainstitut der Universität Basel in die Sandgrube einzog, war dies einerseits eine Fortführung des bildungsorientierten Charakters des Areals. Anderseits kehrte die Sandgrube durch den Einzug eines universitären Instituts, das sich mit der Vernetzung Europas aus einer globalen Perspektive auseinandersetzt, auch zurück zu ihrer ursprünglichen Signatur als Zeugnis für die globale Verflechtung der Stadt.

Lars Kury, Januar 2022